Archiv 2026
Zunehmende antisemitische Vorfälle in NRW
Der aktuelle Bericht der „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“ (RIAS NRW) für das Jahr 2025 meldet einen deutlichen Anstieg an Pöbeleien, Spuckattacken oder anderen offenen Bedrohungen unter jungen Leuten in NRW. Demnach gab es im letzten Jahre 1102 antisemitische Vorfälle – das entspricht einer Steigerung um 17 Prozent im Vergleich zu 2024, ein neuer Höchststand. Im Durchschnitt komme es 21-mal in der Woche in Nordrhein-Westfalen zu einem antisemitischen Vorfall. „Jüdinnen und Juden erleben in unserem Land immer häufiger Hass, Bedrohungen und Ausgrenzung“, resümierte NRW-Familienministerin Verena Schäffer bei der Vorstellung des Antisemitismus-Berichts. Antisemitismus beginne nicht erst bei Straftaten, sondern bei diskriminierendem und verletzendem Verhalten, so die Grünen-Politikerin. Die Polizeiliche Kriminalstatistik für NRW registrierte 768 antisemitische Straftaten: angezeigte Fälle von Volksverhetzung, Sachbeschädigung, Bedrohung oder von physischer Gewalt. Laut RIAS gab es im vergangenen Jahr 2025 rund 78 Prozent mehr versuchte und tatsächliche Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens. Laut RIAS-Bericht ereigneten sich 465 antisemitische Vorfälle auf der Straße, etwa Schmierereien an Häuserwänden, zerstörte Stolpersteine oder beschädigte israelische Flaggen an öffentlichen Gebäuden. 132 Vorfälle ereigneten sich im Internet, 140 an Schulen. Das Wort „Jude“ werde auf Schulhöfen oft als Schimpfwort benutzt – unabhängig davon, ob jüdische Kinder anwesend sind oder nicht. Oft, so der Bericht, werden jüdische Schülerinnen und Schüler pauschal für das Handeln des Staates Israel verantwortlich gemacht.
Yad Vashem in Deutschland
Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem wird in München ein Holocaust-Bildungszentrum eröffnen und damit sein weltweites Engagement in der Holocaust-Bildung und Erinnerungsarbeit verstärken. Der Standort des Zentrums wurde nach einer umfassenden bundesweiten Machbarkeitsstudie mit Unterstützung der deutschen Regierung ausgewählt. Das neue Bildungszentrum am Karolinenplatz im Zentrum von München wird das erste von Yad Vashem außerhalb Israels sein. München, so die Begründung der Entscheidung, sei aufgrund seiner strategisch günstigen Lage und seiner Bildungslandschaft ausgewählt worden, was die Stadt zu einem idealen Standort für die Holocaust-Bildung mache. Das deutsche Yad-Vashem-Zentrum möchte in den Bereichen Erinnerung, Dokumentation und Vermittlung eine möglichst große pädagogische Reichweite und Wirkung erzielen. Mit dem Standort München solle es als bundesweite Plattform für ein Publikum in ganz Deutschland und den Nachbarländern dienen. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem strebt außerdem an, eine zusätzliche Außenstelle seines Bildungszentrums in Leipzig, Sachsen, zu eröffnen. Diese kleinere Einrichtung wird interaktive Lernräume bereitstellen und richtet ihre Angebote an Pädagogen in der gesamten Region sowie in deren Nachbarländern. Schließlich wird Yad Vashem seine langjährige Bildungspartnerschaft mit Nordrhein-Westfalen ausbauen. Über die Beziehung zwischen Dülmen und Yad Vashem wurde 2021 in der Publikation „Im Bündel des Lebens. Jüdische und alttestamentliche Spuren in Dülmen“ (S. 46) >>> berichtet.
Das Foto zeigt eine Dülmener Gäste in Yad Vashem.
Vortrag zum Holocaustgedenktag
„Was ist Antisemitismus?“
Vor einem vollbesetzten Dülmener VHS-Forum „Alte Sparkasse“ referierte am 28. Januar 2026 Prof. Rüdiger Robert über die vielfältigen Formen des Antisemitismus in Vergangenheit und Gegenwart. „Doch was ist eigentlich Antisemitismus?“, so seine Eingangsfrage. Und weiter: „Seit wann gibt es Antisemitismus? Woran können wir Antisemitismus erkennen? Welche Formen nimmt Antisemitismus an? Was sind die Ursachen von Antisemitismus? Was können wir gegen Antisemitismus tun? Und was wird gegen Antisemitismus getan?“
Prof. Robert, emeritierter Politikwissenschaftler, schlug den Bogen von antiken Formen der Judenverachtung über das frühe Christentum und Mittelalter bis in die Neuzeit und Gegenwart. Es schilderte Varianten des „klassischen“ sowie des „modernen“ Antisemitismus. Typisch sei immer, jüdische Menschen im Kollektiv zu sehen und ihnen ein unsoziales Handeln und zielgerichtete Verschwörung zu unterstellen.
In einem zweiten Teil des spannenden Vortrags, der mit zahlreichen Bild- und Tabellenfolien unterlegt wurde, war der Ausblick auf politisches Handeln der deutschen Antisemitismusbeauftragten von Bund und Ländern und auf die vor allem schulischen Projekte und politisch-pädagogischen Maßnahmen vor Ort, um Antisemitismus zu entlarven und zu bekämpfen. Und dabei sei auch der historische Rückblick und die Vermittlung von Geschichtswissen unabdingbar.
Die Erinnerung an den Holocaust, so Bürgermeister Carsten Hövekamp in seiner Begrüßung, müsse auch in die Zukunft und zu den nachwachsenden Generationen getragen werden. Er sei stolz darauf, dass sich gerade in Dülmen so viele junge Menschen mit dem Gedenken an den Holocaust befassen. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung anlässlich des Holocaust-Gedenktages vom „Cuarteto Repentio“.
Waggon-AG: Erinnerungskultur lebendig gestalten
Die Waggon-AG der Alexander-Lebenstein-Realschule in Haltern setzt sich aktiv mit Erinnerungskultur auseinander und leistet insbesondere rund um den Holocaustgedenktag einen wichtigen Beitrag zur historischen Bildung. In einem umgebauten Eisenbahnwaggon beschäftigen sich Schülerinnen und Schüler mit Fragen von Ausgrenzung, Verantwortung und Menschlichkeit und machen Geschichte als Lern- und Erfahrungsraum zugänglich. Die aktuelle Ausstellung greift Themen des Holocaustgedenkens auf und verbindet historische Ereignisse mit persönlichen und kreativen Zugängen. Durch künstlerische Arbeiten, Texte und Installationen setzen sich die Jugendlichen mit Erinnerung und Gegenwart auseinander und zeigen, wie wichtig aktives Gedenken auch heute ist. Die Schule trägt den Namen Alexander Lebenstein, Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald, der sich zeitlebens für Versöhnung und Menschlichkeit einsetzte. Sein Vermächtnis prägt die Schulgemeinschaft und findet in der Arbeit der Waggon-AG eine sichtbare Fortsetzung.
Weitere Informationen zur Waggon-AG und zur Ausstellung finden sich unter:
alexander-lebenstein-realschule.de/ags/waggon/
„Jeder Name zählt“
Digitales Denkmal für die NS-Opfer.
Ein besonderes Projekt der Erinnerungskultur wurde von den „Arolsen Archives“ ins Leben gerufen: Unter #everynamecounts ist jeder Interessierte eingeladen, die Namen und Daten von Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus zu erfassen. „So beschäftigst du dich aktiv mit der Vergangenheit und setzt ein Zeichen für Respekt, Vielfalt und Demokratie heute“, meinen die Verantwortlichen. Die „Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution“ sind das internationale Zentrum über NS-Verfolgung mit dem weltweit größten Archiv zu den Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Die Organisation hat ihren Sitz in der nordhessischen Stadt Bad Arolsen. Die Sammlung mit Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen gehört seit Juni 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Sie beinhaltet verschiedenste Arten von Dokumenten zu den verschiedenen Opfergruppen des NS-Regimes, zur Zwangsarbeit sowie zu „Displaced Persons“ und Migranten nach 1945.
Die Dokumente im Arolsen-Archiv, in denen die Schicksale der 17,5 Millionen Menschen belegt werden, sind bereits eingescannt. Um sie aber in einem im Aufbau befindlichen Online-Archiv weltweit auffindbar und sichtbar zu machen, müssen die (ursprünglich handschriftlich oder mittels Schreibmaschine erfassten) Informationen in eine Datenbank eingetragen werden – mit der Hilfe Freiwilliger. Bisher haben über 400.000 freiwillige Unterstützer und Unterstützerinnen geholfen; mehr als 10 Millionen Dokumente sind so schon bearbeitet worden. Wer mitmachen möchte, braucht dafür einen Internetzugang und einen Bildschirm. Hilfreich ist das Format eines Tablets oder größer, aber auch mobil ist die Eingabe gut möglich. Schon 5 Minuten reichen für ein Dokument, das so zu einem neuen Baustein im digitalen Denkmal wird.
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